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Aus der Garten-Redaktion

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24.08.2009, 12.00 Uhr

Ebersberger Land Apfelsaft sammelt wieder Streuobst-Äpfel

Was, glauben Sie, ist eine "Schafsnase"? Richtig - eine ganz alte Apfelsorte. Es gibt sie höchstens noch in Streuobstwiesen. Um 1900 übrigens gab es noch an die 1000 Apfelsorten, die so wohlklingende Namen wie Goldparmäne, Altländer Pfannenkuchen Apfel, Schöner von Miltenberg oder Geflammter Kardinal trugen.

Auch bei den anderen Obstarten wie Birne, Pflaume/Zwetschge oder Kirsche existierte um 1900 eine heute kaum noch vorstellbare Sortenvielfalt. Mittlerweile bietet der Obsthandel in Deutschland allenfalls noch 10 bis 20 Apfelsorten an, in den meisten Supermärkten ist die Zahl der im Jahresverlauf angebotenen Sorten noch geringer.

Einer der wichtigsten Gründe für das Verschwinden der ursprünglichen Vielfalt sind die veränderten, zentralisierten, Handelsstrukturen. Einzelhandelsketten und Obstgroßhandel kaufen ihr Obst heute weltweit ein und haben am liebsten nur einige wenige Sorten (eine rote, eine grüne, eine gelbe), die möglichst das ganze Jahr über verfügbar sein sollten und die jeder im Selbstbedienungsladen kaufende Kunde kennt.

Auch in der Obstproduktion hat sich ein fundamentaler Wandel vollzogen - weg vom extensiven Hochstammobstbau als Teilbetriebszweig des landwirtschaftlichen Betriebes hin zu spezialisierten Obstbaubetrieben mit intensiv gepflegten Niederstamm-Plantagen. Der Obstbau bevorzugt heute schwach wachsende, hoch fruchtansetzende Sorten, welche in der traditionellen Hochstammkultur kaum bestehen würden.

"Marktfähigkeit" in Aussehen und Geschmack sind bei der Auswahl von Sorten für den Anbau letztlich entscheidender als die Frage der Baumgesundheit, deren Schwächen mit intensivem Pflanzenschutz begegnet werden kann. Der professionelle Obstbau konzentriert sich heute fast ausschließlich auf Tafelobstsorten, die damit scheinbar die Obstversorgung der Bevölkerung - zumindest bei uns - unabhängig von jahreszeitlichen und Witterungseinflüssen sichern.


Wozu brauchen wir also die "alten" Obstsorten noch?

Abgesehen davon, dass viele der alten Obstsorten ein traditionelles, in Jahrhunderten gewachsenes Kulturgut darstellen, welches in vielen Regionen Deutschlands mit Brauchtum (z.B. 'Hochzeitsapfel') und speziellen regional-typischen Nahrungsmittel (z.B. Apfelkraut, Schmorbirnen, Pflaumen- oder Kirschenmus, Apfelschmalz usw.) verbunden ist und viele Sorten allein deshalb schon erhaltenswert sind, sprechen auch ökologische Gründe sowie ökononische Gesichtspunkte wie die langfristige Sicherung des Obstbaus für ihre Erhaltung. Streuobst hat eben auch Bedeutung für die Artenvielfalt, den Klimaausgleich, den Boden- und Wasserschutz, den Erholungswert einer Region und die Kulturgeschichte vieler Menschen.


Erhalt der genetischen Vielfalt

Streuobstwiesen dienen als Genreservoir für alte Obstbaum-Sorten. Mit jedem alten Streuobstbestand geht die genetische Vielfalt oft unwiederbringlich verloren. Die Sortenvielfalt der Bäume birgt einen großen Reichtum an vielseitigen Erbanlagen, die es in dem auf wenige marktgängige Sorten spezialisierten Intensivobstanbau nicht mehr gibt. Diesen "Gen-Schatz" gilt es für die Zukunft zu sichern.

Ziel müsste es sein, diejenigen Sorten, die sich als robust gegen Klimaeinflüsse, Krankheiten und Schädlinge erwiesen haben, weiter zu vermehren. Der langfristige Erhalt eines ökologisch verträglichen Obstbaus und ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren genetischen Ressourcen im Bereich des Obstes kann nicht durch eine monokulturelle Sortenentwicklung, sondern nur durch die Bewahrung genetischer Vielfalt gewährleistet werden.

Niemand kann heute vorhersagen, welche Eigenschaften plötzlich von Interesse sein können, wenn Schädlingskalamitäten auftreten, Klimaveränderungen zu verändertem Auftreten von Schadorganismen führen, die Ernährungsgewohnheiten sich ändern und ähnliches. Eigenschaften, welche uns heute wertlos erscheinen mögen, können in Zukunft bei geänderten Sortenanforderungen plötzlich wieder an Bedeutung gewinnen.

Manche der - weitgehend in Vergessenheit geratenen - alten Apfelsorten verfügen beispielsweise über eine natürliche Resistenz gegenüber Schorf, die weit stabiler ist als die der heutigen Resistenzzüchtungen und die sich über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte in der Landschaft bewährt hat.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Praktisch sämtliche Neuentwicklungen im Bereich der Apfelsorten sind Nachfahren der drei Stammsorten 'Jonathan', 'Cox Orange' oder 'Golden Delicious'. Sie sind genetisch relativ eng mit diesen drei Sorten und somit auch untereinander verwandt. Diese drei Stammsorten ihrerseits sind anfällig für diverse Krankheiten und Schädlinge.

Sie konnten sich im Anbau nur dank der Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln durchsetzen und würden bei einem Verzicht auf Pflanzenschutzmaßnahmen im Anbau nahezu völlig versagen bzw. wären alten Sorten wie 'Dülmener Rosenapfel', 'Finkenwerder Prinzenapfel', 'Jakob Fischer' oder 'Rote Sternrenette' klar unterlegen. Die Sortenentwicklung im Erwerbsobstbau der letzten fünf Jahrzehnte steht in deutlichem Widerspruch zu allen Bestrebungen im Sinne eines umweltverträglichen Obstbaus sowie der Produktion von rückstandsfreiem, gesunden Obst.


Streuobstbestände als Verbraucher fördern?

Neben der gezielten Nachfrage nach regionalem, nachhaltig erzeugtem Obst bietet auch der Genuss von Saft aus heimischen Streuobstbeständen eine sehr schmackhafte Möglichkeit, diese wertvollen Lebensräume zu erhalten. Allerdings sollte man wissen, dass zum Beispiel klassischer Apfelsaft (auch aus biologischem Anbau) in der Regel aus Niederstammplantagen stammt und echter Streuobstsaft auf dem Etikett gekennzeichnet ist. Also: Auf den kleinen, aber feinen! Unterschied achten.

Der gemeinnützige Verein EBERSBERGER LAND setzt sich zusammen mit dem Landschaftspflegeverband Ebersberg seit zehn Jahren auch für die Förderung der Streuobstwiesen im Landkreis Ebersberg ein. Unter dem Motto "Wir machen die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen schmackhaft" wurden beispielsweise Richtlinien für heimischen Streuobstsaft erarbeitet, der heute schon mehr als 30 alte Apfel-Sorten von über 200 Lieferanten aus dem Landkreis enthält und der Schulterschuss mit dem Netzwerk UNSER LAND gesucht hat, damit der Saft über den Lebensmitteleinzelhandel vermarktet werden kann.

Gemeinsam werden viele Aktionen durchgeführt, um wieder mehr Verständnis für naturnahe, saisonale Ernährung zu schaffen. Auch der Erhalt der einzigartigen Kulturlandschaft mit den herrlich blühenden Streuobstwiesen und die Verbindung zu den Erzeugern liegt dem "Bündnis für die Natur" sehr am Herzen.
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Kommentare

26.08.2009 20:26 BarbaraKrasemann
Vielen Dank für diesen hervorragenden Beitrag. Ihr sprecht mir aus der Seele.
Also liebe Landlive - Freunde, wenn Ihr noch Platz im Garten habt, dann testet mal eine dieser herrlichen, aromatischen, alten Sorten. Ich habe zum Beispiel den "Jakob Fischer" , ein Gedicht!

LG Barbara, die Waldfrau
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